
Aufbereitungsmethoden
Aufbereitungsmethoden nach der Kaffeeernte – von der Kaffeekirsche zur Bohne
​
Nach der Ernte entscheidet die Aufbereitung maßgeblich über den Geschmack eines Kaffees. Sie beeinflusst Süße, Säure, Klarheit, Körper und Aroma – genauso stark wie Sorte, Anbauhöhe oder Röstung. Unter Aufbereitung versteht man alle Schritte, die aus der frischen Kaffeekirsche die rohe, trockene Kaffeebohne machen.
In der modernen Kaffeeproduktion haben sich mehrere Methoden etabliert, von traditionell bis experimentell. Jede bringt eigene sensorische Profile mit sich.
​
1. Natural / Trockene Aufbereitung
Kurz erklärt:
Die gesamte Kaffeekirsche wird nach der Ernte in der Sonne getrocknet – ohne vorherige Entfernung des Fruchtfleisches.
Ablauf:
-
Kirschen werden sortiert und auf Patios oder Raised Beds ausgebreitet
-
Regelmäßiges Wenden verhindert Schimmel
-
Trocknung dauert 2–4 Wochen
-
Danach wird die harte, getrocknete Fruchthülle maschinell entfernt
Geschmack:
Fruchtig, süß, oft „weinige“ Noten, intensiver Körper.
Für Profis: Höhere mikrobiologische Aktivität führt zu komplexen Ester- und Zuckerreaktionen.
​
​
​
​
​
​
​
​
​
​
2. Washed / Gewaschene Aufbereitung
Kurz erklärt:
Das Fruchtfleisch wird direkt nach der Ernte entfernt – nur die Bohne wird fermentiert und gewaschen.
Ablauf:
-
Entpulpung (Fruchtfleischentfernung)
-
Fermentation in Wasserbecken (12–48 Stunden) zum Lösen des Schleims (Mucilage)
-
Reinigung durch Waschen
-
Trocknung der „nackten“ Bohne
Geschmack:
Klar, präzise, hohe Säure, saubere Tassenprofile.
Für Profis: Fermentation erfolgt kontrolliert oxidativ/enzymatisch; geringere Varianz gegenüber Natural.
​
​
​
​
​
​
​
​
​
3. Pulped Natural / Honey Process
Kurz erklärt:
Die Kirsche wird entpulpt, aber der Schleim bleibt auf der Bohne – getrocknet wird mit Mucilage.
Varianten:
-
Yellow Honey – wenig Mucilage, schnellere Trocknung
-
Red Honey – mittlere Menge Schleim, intensivere Fermentation
-
Black Honey – viel Mucilage, sehr langsame Trocknung
Ablauf:
-
Entpulpung ohne Waschen
-
Trocknung mit unterschiedlich viel Restfruchtfleisch
Geschmack:
Zwischen Natural und Washed: süßer als gewaschen, klarer als Natural.
Für Profis: oxidative Fermentation spielt große Rolle; Risiko für Fehlnoten höher.
​
​
​
​
​
​
​
​
​
4. Semi-Washed / Wet-Hulled (Giling Basah)
Kurz erklärt:
Besonders in Indonesien verbreitet. Die Bohne wird in halbnassem Zustand geschält.
Ablauf:
-
Entpulpung
-
Kurze Fermentation
-
Teilwaschen
-
Trocknung nur bis ca. 30–40 % Feuchtigkeit
-
Nasses Schälen der Pergamenthaut („Wet-Hulling“)
-
Weiteres Trocknen
Geschmack:
Erdig, würzig, kräftig, weniger Säure, hoher Körper.
Für Profis: Das Schälen im feuchten Zustand verändert Zellstruktur und Wasserverteilung der Bohne.
​
5. Anaerobic Fermentation
Kurz erklärt:
Fermentation findet ohne Sauerstoff statt, oft in Edelstahltanks oder luftdicht verschlossenen Fässern.
Ablauf:
-
Ganze Kirschen oder entpulpte Bohnen kommen in luftdichte Behälter
-
COâ‚‚ entsteht und verdrängt Sauerstoff
-
Kontrollierte Temperatur, Druck und Fermentationsdauer
-
Danach Weiterverarbeitung (Natural, Washed oder Honey)
Geschmack:
Intensiv, komplex, oft tropisch und „funky“, klare Fermentationsaromen.
Für Profis: Milchsäuregärung dominiert (Lactobacillus spp.); pH-Kontrolle ist kritisch.
​
​
​
​
​
​
​
​
​
​
6. Carbonic Maceration (Kohlensäuremazeration)
Kurz erklärt:
Inspiriert aus dem Weinbau. Ganze Kirschen fermentieren in Tanks, die mit COâ‚‚ gefüllt werden.
Ablauf:
-
Ganze Kirschen in geschlossene Tanks
-
COâ‚‚-Atmosphäre startet intrazelluläre Fermentation
-
Langsame, kalte Fermentation
-
Nach gewünschtem Grad Weiterverarbeitung
Geschmack:
Sehr intensiv, florale und fruchtige Noten, außergewöhnliche Komplexität.
Für Profis: Intrazelluläre Fermentation erzeugt spezifische Ester; präzise Steuerung nötig.
​
7. Double Fermentation / Double Washed
Kurz erklärt:
Zwei aufeinanderfolgende Fermentationsschritte (typisch in Kenia).
Ablauf:
-
Entpulpung
-
Erste Fermentation trocken oder im Wasser
-
Waschen
-
Zweite Fermentation im Frischwasser
-
Endreinigung und Trocknung
Geschmack:
Sehr klar, hohe Säure, ausgeprägte Beerennoten.
Für Profis: Zweistufige Fermentation stabilisiert Säurestruktur und bringt komplexe organische Säuren hervor.
​
8. Anaerobic Natural / Anaerobic Honey
Kurz erklärt:
Kombination aus anaerober Fermentation und klassischer Natural- oder Honey-Trocknung.
Ablauf:
-
Luftdichte Fermentation
-
Danach Trocknung wie beim Natural oder Honey
Geschmack:
Süß, intensiv, aromatisch – jedoch strukturierter als reine Naturals.
Für Profis: Mischformen bieten hohe gestalterische Freiheit für Produzenten.
​
9. Experimental Methods (emergente Verfahren)
Diese Verfahren sind neu, variieren stark und werden meist nur in Mikro-Lots angewandt:
Thermal Shock Process
Heiß-Kalt-Schock stabilisiert Mikroflora und erweitert Aromaprofile.
Infusion / Kofermentierung
Zugabe von z. B. Früchten oder Hefekulturen während der Fermentation.
Hinweis: in der Spezialitätenkaffeeszene diskutiert, nicht immer klassisch.
Yeast Inoculation (Hefe-Impfung)
Kontrollierter Einsatz spezifischer Hefen für reproduzierbare Ergebnisse.
Kryo-Mazing / Tiefkühltrocknung
Kurzzeitiges Einfrieren verändert Zellstruktur und Aromafreisetzung.
​
Fazit
Die Aufbereitung ist ein entscheidender Schritt auf dem Weg zum perfekten Kaffee. Ob traditionell oder experimentell – jede Methode formt ein einzigartiges Aromaprofil. Für Kaffeeliebhaber eröffnet sich damit ein faszinierendes Spektrum an Geschmacksrichtungen, für Profis ein komplexes Handwerk voller Möglichkeiten.









