Nescafé im Zweiten Weltkrieg: Was eine kleine Dose am Utah Beach erzählt

Bei einem Besuch des Museums am Utah Beach in der Normandie fiel mir zwischen den ausgestellten Ausrüstungs- und Verpflegungsgegenständen eine kleine braunrote Dose auf. Neben all den anderen Exponaten wirklich winzig und unauffällig. Auf ihrer Vorderseite steht in großen Buchstaben „Nescafé“. Mit einem Inhalt von nur einer Unze – rund 28 Gramm – wirkt sie unscheinbar. Tatsächlich steht sie jedoch für ein wichtiges Kapitel der Kaffee- und Zeitgeschichte.
Denn löslicher Kaffee war während des Zweiten Weltkriegs nicht nur ein praktisches Lebensmittel. Für viele US-Soldaten gehörte er zum militärischen Alltag und bot unter schwierigen Bedingungen zumindest einen kurzen Moment von Wärme und Normalität.

Was ist auf der Dose zu erkennen?
Die abgebildete Metalldose trägt die Aufschrift:
„A coffee extract combined & powdered with added dextrins, maltose & dextrose“
Sinngemäß übersetzt handelt es sich also um einen pulverisierten Kaffeeextrakt, dem Dextrine, Maltose und Dextrose zugesetzt wurden. Als Hersteller wird „Nestlé’s Milk Products, Inc., New York, U.S.A.“ genannt. Das Nettogewicht beträgt eine Unze.
Die Kohlenhydrate waren nicht lediglich zum Süßen gedacht. Bei der damaligen Herstellung halfen sie dabei, den löslichen Kaffee zu stabilisieren und sein Aroma zu schützen. Historische Nescafé-Werbung beschrieb das Produkt sogar als eine Mischung aus löslichem Kaffee und zugesetzten Kohlenhydraten. Erst in den frühen 1950er-Jahren gelang es, die benötigten aromastützenden Kohlenhydrate direkt aus der Kaffeebohne zu gewinnen. Dadurch konnte Nescafé später mit einem höheren Kaffeeanteil und einem kräftigeren Geschmack hergestellt werden.
Die Dose unterscheidet sich daher deutlich von einem heutigen Glas Instantkaffee. Sie zeigt eine frühe Entwicklungsstufe des Produkts.
Warum wurde Nescafé erfunden?
Die Geschichte von Nescafé begann Ende der 1920er-Jahre. Nach dem Börsencrash von 1929 fielen die Kaffeepreise stark. Brasilien verfügte gleichzeitig über gewaltige Kaffeeüberschüsse und suchte nach einer Möglichkeit, die Bohnen länger haltbar zu machen.
Nestlé sollte deshalb ein lösliches Kaffeeprodukt entwickeln, das sich lagern ließ und dennoch möglichst viel vom ursprünglichen Aroma bewahrte. Eine besondere Herausforderung bestand darin, Kaffeeextrakt zu trocknen, ohne dass dabei Geschmack und Duft weitgehend verloren gingen.
Der Nestlé-Chemiker Max Morgenthaler arbeitete mit seinem Team mehrere Jahre an einer Lösung. Das Ergebnis kam am 1. April 1938 zunächst in der Schweiz auf den Markt. Der Markenname setzte sich aus „Nestlé“ und dem französischen beziehungsweise italienischen Wort „Café“ zusammen: Nescafé war geboren.
Die Erfindung des löslichen Kaffees an sich war zwar älter. Nescafé machte das Prinzip jedoch zu einem haltbaren, leicht zuzubereitenden und international vermarktbaren Massenprodukt. Zur Zubereitung musste das Pulver lediglich mit heißem Wasser verrührt werden. Kaffeemühle, Filter und längeres Aufbrühen waren nicht erforderlich.
Von der Schweizer Erfindung zur Soldatenration
Nur ein Jahr nach der Markteinführung begann der Zweite Weltkrieg. Zunächst erschwerte der Krieg die internationale Einführung des neuen Produkts. Nach dem Kriegseintritt der Vereinigten Staaten im Dezember 1941 änderte sich die Situation jedoch grundlegend.
1941 begann Nestlé, Nescafé für amerikanische Feldrationen zu liefern. Der Kaffee war leicht, lange haltbar, schnell portionierbar und ließ sich überall dort zubereiten, wo heißes Wasser verfügbar war. Damit eignete er sich ausgesprochen gut für den militärischen Einsatz. Nach Angaben von Nestlé wurde Nescafé während des Krieges Bestandteil der Notverpflegung amerikanischer Soldaten.
Auch Quellen der US-Armee zeigen, welchen festen Platz löslicher Kaffee in der Truppenverpflegung hatte. Die sogenannte C-Ration enthielt neben Fleisch- und Gemüsekonserven auch Kekse, Zucker und löslichen Kaffee. Darüber hinaus wurde Kaffee in K-Rationen sowie in Gruppenverpflegungen wie der „10-in-1“-Ration ausgegeben. Letztere war für zehn Männer bestimmt und wurde besonders für bewegliche Einheiten und Soldaten in frontnahen Gebieten entwickelt.
Eine historische Übersicht der US-Regierung nennt für löslichen Kaffee unter anderem Umschläge zu fünf Gramm sowie Dosen mit einer oder vier Unzen Inhalt. Die Ein-Unzen-Größe entspricht der Mengenangabe auf der fotografierten Nescafé-Dose.
Ohne das Inventarschild und die genaue Herkunftsdokumentation des Museumsstücks lässt sich allerdings nicht abschließend feststellen, aus welcher Rationsart gerade diese Dose stammt. Ihre Größe und Gestaltung passen jedoch zu den für die US-Streitkräfte verwendeten Packungen jener Zeit.
Welche Rolle spielte Kaffee in der Normandie?
Bei der alliierten Landung in der Normandie am 6. Juni 1944 mussten die Soldaten zunächst ohne reguläre Feldküchen auskommen. Für solche Situationen waren kompakte Feld- und Gruppenrationen vorgesehen. Militärische Planungsunterlagen zur Operation Overlord erwähnen ausdrücklich die „10-in-1“-Ration, zu deren Frühstücksbestandteilen löslicher Kaffee gehörte.
Das bedeutet nicht automatisch, dass die ausgestellte Dose tatsächlich am D-Day mitgeführt oder am Strand gefunden wurde. Dafür wäre ein konkreter Herkunftsnachweis erforderlich. Als Museumsobjekt zeigt sie aber sehr anschaulich, welche Art von Kaffee amerikanische Soldaten während des Feldzugs in Westeuropa erhalten konnten.
Neben seiner praktischen Funktion hatte Kaffee auch eine psychologische Bedeutung. Ein heißes Getränk spendete Wärme, half gegen Müdigkeit und schuf eine kurze Pause vom militärischen Alltag. Für Soldaten, die Kaffee bereits aus ihrem zivilen Leben kannten, konnte er außerdem ein kleines Stück Heimat bedeuten.
Eine Dose mit überraschend viel Inhalt
Der Erfolg bei den Streitkräften machte Nescafé weltweit bekannt. Bis 1940 war die Marke bereits in mehr als 30 Ländern erhältlich. Durch die massenhafte Verteilung während des Krieges lernten Millionen Soldaten löslichen Kaffee kennen. Nach Kriegsende wurde Nescafé außerdem in CARE-Hilfspakete für die Bevölkerung in Europa und Japan aufgenommen.
Hinter der Marke stand zu diesem Zeitpunkt bereits ein internationaler Lebensmittelkonzern. Dessen Wurzeln reichen bis 1866 zur Gründung der Anglo-Swiss Condensed Milk Company zurück. Henri Nestlé brachte 1867 im schweizerischen Vevey sein haltbares Kindermehl „Farine Lactée“ auf den Markt. Beide Unternehmen schlossen sich 1905 zur Nestlé & Anglo-Swiss Milk Company zusammen.
Die kleine Dose im Museum am Utah Beach verbindet somit mehrere Geschichten miteinander: die Suche nach einer Verwendung für brasilianische Kaffeeüberschüsse, die Entwicklung eines neuartigen löslichen Kaffees, die Versorgung der US-Truppen und schließlich den weltweiten Aufstieg von Nescafé.
Heute erscheint Instantkaffee vollkommen alltäglich. In den 1930er- und 1940er-Jahren war er dagegen eine bemerkenswerte technische Neuerung. Gerade deshalb ist die unscheinbare Ein-Unzen-Dose mehr als eine alte Verpackung. Sie zeigt, wie eng Kaffee, Lebensmitteltechnik und die Geschichte des Zweiten Weltkriegs miteinander verbunden sein können.



