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Kaffee in Frankreich: Kleine Tasse, große Kultur

Autorenbild: Ingo Heine
Ingo Heine
31. Aug.
4 Min. Lesezeit
Kaffeebohnen mit der Flagge Frankreichs
Kaffee ist in Frankreich sehr beliebt und besitzt eine lange Tradition

Wer durch die Bretagne oder die Normandie reist, so wie ich unlängst, begegnet Frankreich von einer besonders schönen Seite: kleinen Orten am Meer, Marktplätzen, Boulangerien und Cafés, vor denen die Stühle fast selbstverständlich zur Straße hin ausgerichtet sind. Und irgendwo dazwischen steht immer wieder eine kleine Tasse Kaffee.

Kaffee gehört in Frankreich zum Alltag. Allerdings wird er dort häufig anders getrunken, als wir es aus Deutschland kennen. Während hierzulande eine große Tasse Filterkaffee lange das klassische Bild geprägt hat, ist der französische Kaffee traditionell klein, kräftig und vor allem eines: eine Gelegenheit, für einen Moment innezuhalten und mit anderen zusammenzukommen.


Wer in Frankreich „un café“ bestellt, bekommt Espresso

Eine der wichtigsten Regeln für Frankreich-Reisende lautet: Bestellt man „un café“, bekommt man in aller Regel keinen großen Kaffee, sondern einen kleinen, kräftigen Espresso.

Diese Art des Kaffeetrinkens ist tief im französischen Alltag verankert. Der Kaffee am Morgen an der Theke, der Espresso nach dem Mittagessen oder die kleine Tasse am Nachmittag brauchen kein großes Zeremoniell. Kaffee ist präsent, selbstverständlich und oft erstaunlich unkompliziert.

Wer etwas anderes möchte, kann genauer bestellen:

  • Café oder petit café – ein Espresso

  • Café allongé – Espresso mit mehr Wasser, also länger und milder

  • Noisette – Espresso mit einem kleinen Schuss Milch oder Milchschaum; der Name bezieht sich auf die haselnussartige Farbe

  • Café crème oder grand crème – Kaffee beziehungsweise Espresso mit deutlich mehr warmer Milch

  • Café au lait – Kaffee mit heißer Milch, traditionell besonders mit dem Frühstück verbunden

  • Déca – entkoffeinierter Kaffee

Die Bezeichnungen können sich von Café zu Café etwas unterscheiden. Gerade beim café crème gibt es keine überall vollkommen identische Zubereitung. Das Prinzip bleibt aber gleich: Wer Milch möchte, sagt es dazu.


Café au lait gehört vor allem zum Morgen

Das international vielleicht bekannteste französische Kaffeegetränk ist der café au lait. Das Bild von der großen Schale Milchkaffee, in die am Frühstückstisch ein Stück Baguette oder Croissant getunkt wird, gehört tatsächlich zur französischen Frühstückstradition.

Allerdings begegnet einem dieser große Milchkaffee im französischen Alltag längst nicht zu jeder Tageszeit. Nach dem Essen ist ein kleiner schwarzer Kaffee deutlich typischer.

Überhaupt ist das französische Frühstück traditionell eher leicht: Brot oder Baguette mit Butter und Konfitüre, ein Croissant oder anderes Gebäck – dazu Kaffee, Tee oder heiße Schokolade. Ein üppiges herzhaftes Frühstück, wie es in vielen Hotels angeboten wird, ist historisch weniger typisch für den französischen Alltag.


Der Kaffee nach dem Essen gehört einfach dazu

Café gourmand
Ein sehr üppiger Café Gourmand

Besonders fest verankert ist der Kaffee am Ende einer Mahlzeit. Nach dem Mittag- oder Abendessen kommt häufig noch ein Espresso auf den Tisch.

Milchkaffee spielt in diesem Moment eine wesentlich kleinere Rolle. Der kleine schwarze Kaffee bildet gewissermaßen den Abschluss des Essens und verlängert gleichzeitig das Zusammensitzen noch ein wenig.

Eine vergleichsweise moderne Entwicklung ist der café gourmand. Dabei wird ein Espresso mit mehreren kleinen Desserts serviert – beispielsweise mit einer Mini-Crème-brûlée, etwas Schokoladenmousse, einem kleinen Kuchen oder einer anderen Süßigkeit. Er verbindet zwei sehr französische Freuden miteinander: Kaffee und Dessert.


Das Café ist in Frankreich mehr als ein Ort zum Kaffeetrinken

Cafés in Paris
Hier sieht man eine Ausrichtung der Stühle in einem Café in Paris - klassisch, mit bestem Blick, damit man nichts verpasst

Um die französische Kaffeekultur wirklich zu verstehen, muss man jedoch über die Tasse hinausblicken. Seit dem 17. Jahrhundert entwickelten sich insbesondere in Paris Kaffeehäuser zu wichtigen gesellschaftlichen Treffpunkten. In ihnen wurde diskutiert, geschrieben, Politik gemacht und philosophiert. Berühmte Pariser Cafés wurden später Treffpunkte von Schriftstellern, Künstlern und Intellektuellen.

Diese Geschichte wirkt bis heute nach.

Das französische Café ist Restaurant, Bar, Treffpunkt und Beobachtungsposten zugleich. Man trifft Freunde, liest Zeitung, diskutiert, wartet auf jemanden oder sitzt einfach auf der Terrasse und beobachtet das Leben auf der Straße.

Vielleicht erklärt das auch die typisch französische Anordnung vieler Caféterrassen: Die Stühle stehen nicht unbedingt einander gegenüber, sondern häufig nebeneinander und mit Blick auf Straße oder Platz. Man sitzt mitten im Leben.


„Au comptoir“ – der schnelle Kaffee an der Theke

Eine besonders traditionelle Variante ist der Kaffee am Tresen, au comptoir. Man kommt herein, bestellt einen Espresso, trinkt ihn im Stehen und geht anschließend weiter.

Daneben existiert die andere Seite der französischen Kaffeekultur: Man setzt sich auf die Terrasse und lässt sich Zeit. Ein einziger Kaffee kann dann Begleiter eines Gesprächs, einer Zeitung oder einer längeren Beobachtung des Treibens auf dem Platz sein.

Dass ein Getränk an der Terrasse oder am Tisch mancherorts mehr kostet als direkt an der Theke, gehört ebenfalls zur klassischen französischen Cafétradition, auch wenn das heute längst nicht überall gleich gehandhabt wird.


Frankreich entdeckt den Specialty Coffee

Natürlich verändert sich auch die französische Kaffeewelt. Vor allem in Paris und anderen größeren Städten hat sich in den vergangenen Jahren eine ausgeprägte Specialty-Coffee-Szene entwickelt.

Helle Röstungen, Single-Origin-Kaffees, Handfilter, Flat White und präzise zubereitete Espressi findet man inzwischen ebenso wie kleine Röstereien, die sich intensiv mit Herkunft, Anbau und Verarbeitung der Bohnen beschäftigen.

Das ist durchaus eine Veränderung gegenüber der klassischen französischen Caféhauskultur, in der der Kaffee selbst lange nicht immer die Hauptrolle spielte. Traditionell zählt häufig der Moment mindestens ebenso viel wie die Bohne.

Heute existiert beides nebeneinander: das moderne Specialty-Café und das alte Bistro, in dem seit Jahrzehnten morgens der Espresso über den Tresen geht.


Bretagne, Normandie und der Kaffee am Meer

Kaffee am Meer
In einer solchen Kulisse ist der Genuss eines leckeren Kaffees eine besonders schöne Erfahrung

Und dann gibt es diese besonderen Reisemomente.

In der Bretagne oder der Normandie sitzt man vielleicht nicht im berühmten Pariser Straßencafé, sondern irgendwo an der Küste. Vor einem liegt der Atlantik oder der Ärmelkanal, hinter einem stehen alte Steinhäuser, und auf dem Tisch wartet der Kaffee.

Gerade dort versteht man vielleicht besonders gut, was französische Kaffeekultur ausmacht.

Es geht nicht darum, möglichst viel Kaffee zu trinken. Die Portion ist oft erstaunlich klein.

Es geht um den Moment.

Um das kurze Gespräch am Tresen. Um Freunde, die sich auf einen Kaffee treffen. Um den Espresso nach einem guten Mittagessen. Um die Terrasse auf dem Dorfplatz. Um dieses scheinbar beiläufige Sitzen und Beobachten, das in Wahrheit ein wichtiger Teil des gesellschaftlichen Lebens ist.

Der Kaffee ist in Frankreich deshalb oft weniger ein Getränk für unterwegs als ein Grund, für einen Moment zu bleiben. Und vielleicht schmeckt genau deshalb selbst eine kleine Tasse am Meer plötzlich nach sehr viel mehr.

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